Die kleine Sonnenblume
Unsere Station ist hell, sachlich, steril. Das Neonlicht fällt auf die Gänge, Monitore blinken. Da sind Geräte, sie summen im Takt ihrer eigenen Routine. Schritte hallen über den Boden. Alles geht seinen gewohnten Gang.
In nur einem Augenblick ändert sich für einen einzelnen Menschen alles. Maschinenalarm – scharf, plötzlich, unerbittlich. Die Bewegung des Personals wird zur akuten Handlung. Pflegekräfte stürmen los, greifen ein, koordinieren jeden Handgriff. Es ist kein Üben, kein Training – jeder Atemzug zählt.
Eine Schwesternschülerin stürmt weinend über den Gang, sie kommt aus dem Zimmer, in dem Lebensnot herrscht. Tränen in den Augen, überwältigt von dem, was so plötzlich geschehen ist. Ihre Kollegin sieht sie, fängt sie ein, hält sie kurz fest im Arm, teilt die Last, still und ohne Worte.
Gleichzeitig bewegt sich das ganze medizinische Team in die Gegenrichtung. Jede Bewegung sitzt, jede Entscheidung ist überlebenswichtig.
Ich befinde mich als Patient auf dem Gang, bewege mich so schnell wie möglich zurück in mein Zimmer, eng an der Gangseite, um nicht im Weg zu sein. Kein Gaffen, kein Staunen. Ich weiß nur: Ohne diese Menschen hätte dieser Patient keine Chance.
Mein Blick fällt auf die Theke vor der Glasscheibe, die den Arbeitsbereich vom Pflegepersonal markiert. Dort steht eine kleine Sonnenblume in einer Vase. Gelb, leuchtend, still. Sie fordert nichts, sie lenkt nicht ab. Sie ist einfach da – ein winziger Lichtpunkt, ein Hauch Wärme mitten in der konzentrierten, existenziellen Dringlichkeit, die den Moment dieses Alltags durchdringt.
Es ist heftig. Und es ist da diese Sonnenblume. Ich weiß nicht wer sie aufgestellt hat, aber sie gibt mir das Gefühl von Trost und Hoffnung in dieser unwirklichen Situation.
Ich bin angekommen in meinem Zimmer, zehn Meter entfernt vom Geschehen. Ich höre hin ohne übergriffig sein zu wollen, ich höre weil es unüberhörbar ist. Ich hoffe für diesen Menschen, der um sein Leben kämpft.
Ich bewundere die Menschen, die diesen Kampf mit ihm austragen. Und ich hoffe, sie sehen diese kleine Blume, egal wie es ausging.

Geschrieben von b.wiedemann

Heldin
„Im Jahr 2030 werden in der Schweiz 30.000 Pflegekräfte fehlen. 36 % der ausgebildeten Pflegenden steigen bereits nach vier Jahren wieder aus.
Laut WHO ist der weltweite Mangel an Pflegekräften ein globales Gesundheitsrisiko. In Deutschland könnnen laut Statistischem Bundesamt bis 2029 rund 260.000 Pflegende fehlen.“
Quelle: Abspanntext aus dem Film „Heldin“
Mehr Infos zum Film: https://de.wikipedia.org/wiki/Heldin_(Film)
Der oben stehende Text ist meiner kleinen Schwester und all ihren Kolleginnen und Kollegen gewidmet – Danke, dass ihr da seid.
